Wie dieses Buch entstand
Als 1989 das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei mit der Samtenen Revolution endete und der Eiserne Vorhang verschwand, öffnete sich für die beiden Autoren Winfried Dimmel und Gerhard A. Stadler, eine neue Welt. Wir waren im nördlichen Wald- beziehungsweise des Mühlviertels aufgewachsen und lebten damit an einer Grenze, die über Jahrzehnte nahezu unüberwindbar war. Nun ließ sich das Nachbarland endlich wieder bereisen – und wir machten uns neugierig auf den Weg.
Unseren Aufbruch bereicherten unter anderem die mehrtägigen Symposien der Waldviertel Akademie, die sich in den 1990er Jahren auf die Suche nach dem industriekulturellen Erbe beiderseits der österreichisch-tschechischen Grenze begab. Die Tagungen und Erkundungsfahrten führten uns zu historischen Gewerbe- und Industriestandorten, wobei vor allem die imposanten Brauereien und einladenden Gaststätten einen nachhaltig positiven Eindruck bei uns hinterließen. Wohin man auch kam, stets wurde das landestypische Getränk fachgerecht gezapft und in bemerkenswerten Mengen aufgetragen. Rasch wurde deutlich, dass das Bier in Tschechien eine zentrale Rolle für die Pflege der Gemeinschaft spielt.
Bei einer dieser industriehistorischen Exkursionen lernten sich die beiden Autoren, Winfried Dimmel und Gerhard A. Stadler, kennen und vereinbarten beim Leeren des einen oder anderen Krýgls, die kulturhistorische Bedeutung des tschechischen Bieres gemeinsam zu erforschen.
Es folgten berauschende Exkursionen zu Brauereien und Gaststätten sowie Reisen in die Anbaugebiete von Hopfen und Braugerste. Wir führten ungezählte Gespräche mit Gastwirten und Schankkellnern, Braumeistern und Betreibern von Sudstätten. In der Regel trug man uns ausgiebig Bier auf und man vermittelte uns bei einigen gut gefüllten Gläsern bereitwillig Wissenswertes über die landestypische Trinkkultur. An manchen Expeditionstagen waren bereits am Vormittag ausgiebige Verkostungen im Interesse des Erkenntnisgewinns unvermeidbar. Wissenschaft verlangt eben das eine oder andere „Opfer“ – in unserem Fall die Bereitschaft, den Forschungsgegenstand nicht nur geistig zu durchdringen, sondern auch umfassend einzuverleiben.
Das tschechische Bier erwies sich als identitätsstiftendes Kulturgut, als Gegenstand wirtschaftlicher Interessen und politischer Auseinandersetzungen, als Essenz des tschechischen Alltags. Einen wichtigen wissenschaftlichen Baustein legte Winfried Dimmel im Jahr 2017 mit der Veröffentlichung seiner Masterthese über den Wettbewerb der Budweiser Industriebrauereien im Zeitalter des Nationalismus an der Wende zum 20. Jahrhundert. Die Arbeit untersuchte, wie wirtschaftliche Konkurrenz, nationale Gegensätze und Markenpolitik ineinandergriffen. Sie vertiefte damit einen Themenbereich, der später auch in das gemeinsame Buch einfloss.
Bei unseren Feldforschungen konnten wir weder die Leber noch den Geldbeutel schonen. Die Auswertung und Verschriftlichung der gewonnenen Erkenntnisse mussten jedoch immer wieder hinter den trockenen Erfordernissen unserer Brotberufe sowie familiärer Verpflichtungen zurückstehen. Während der Corona-Pandemie im Jahr 2020 brachten wir endlich erste Kapitel zu Papier. Aus den gesammelten Eindrücken, Gesprächen, Dokumenten und Forschungsergebnissen entstand nach und nach eine Kulturgeschichte des tschechischen Bieres.
Am 29. Juni 2026 war es dann so weit: Im Wiener Schweizerhaus stellten wir „PIVO. Mythos tschechisches Bier. Eine Kulturgeschichte“ erstmals einer bieraffinen Öffentlichkeit vor. Entstanden ist die erste deutschsprachige Kulturgeschichte des tschechischen Bieres – ein Buch über Brautechnik und Wirtshauskultur, über Industrialisierung, Nationalismus und Identität, über ein Getränk, das in Tschechien weit mehr ist als bloß ein Mittel gegen den Durst.
